Besuch der Third International Conference on Cultured Meat

Vom 3. – 5. September 2017 fand die Third International Conference on Cultured Meat in Maastricht statt. Wie schon in den vergangenen zwei Jahren luden Mark Post und Kollegen von der Universität Maastricht dazu ein, sich über die Forschung über In-vitro-Fleisch und damit verbundene Themenbereiche auszutauschen. Experten aus dem Bereich des Tissue Engineering, der Zellkultivierung, der Konzeption von Bioreaktoren sowie von Lebenszyklusanylsen zur Umweltauswirkung von Fleisch und In-vitro-Fleisch kamen zu Wort. Das VIF-Team stellte Projektergebnisse zu ethischen und gesellschaftlichen Fragen vor.

Anwesend waren unterschiedlichste Akteure der In-vitro-Fleisch-Community. Unter anderem waren Vertreter der gemeinnützigen Organisation The Good Food Institute anwesend und sorgten für ein veganes Mittagessen. Auch Mitglieder des israelischen Start-ups SuperMeat, der Gründer des Unternehmens Cellular Agriculture Ltd., Illtud Dunsford aus Großbritannien, Yuki Hanyu von Shojinmeat/Integriculture aus Japan sowie die Sozialwissenschaftler Neil Stephens (UK) und Cor van der Weele (NL), die sich schon lange mit In-vitro-Fleisch befassen, waren vor Ort. Doch nicht nur Wissenschaftler und Unternehmer, auch kleinere Investoren und der ein oder andere Vertreter aus der Fleischindustrie waren da.

Herausforderungen der Herstellung von In-vitro-Fleisch

Unter anderem wurde die Frage nach der Vaskularisierung von größeren Gewebestücken (etwa eines Steaks) thematisiert, die auch in der medizinischen Forschung für die Herstellung von Implantaten eine Rolle spielt. Shulamit Levenberg (Technion, Israel) zeigte in ihrem Beitrag, dass die Bedingungen der Kultivierung (Zelltypen, Gerüst, Bioreaktor, Stretching) einen entscheidenen Einfluss auf die Vaskularisierung von Gewebe haben. Zur Herstellung werden Gerüste (scaffolds) benötigt – in der Arbeit von Levenberg sind diese schwammähnlich aufgebaut. Dabei spielen für die Ausdifferenzierung der Stammzellen zu Myotuben die Konsistenz des Gerüstes und die Porendichte eine entscheidene Rolle. Die Nutzung unterschiedlicher Zelltypen in einer Zellkultur (co-culture) stellt ebenfalls eine Möglichkeit dar, ein Netzwerk von Gefäßen innerhalb des Gewebes zu generieren. Das regelmäßige Dehnen (Stretching) der Zellen durch mechanische Reize beeinflusst ebenfalls die Fähigkeit der Zellen, Netzwerkstrukturen auszubilden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verwendung eines geeigneten Bioreaktors. Im sogenannten flow-bioreactor kann durch eine konstante Zirkulation des Nährmediums ebenfalls die Vaskularisierung des Gewebes positiv beeinflusst werden.

Als eine große Herausforderungen für eine Produktion im großen Maßstab sieht Nico Oosterhuis (CellTainer BV, Niederlande) die Erhaltung eines sterilen Systems sowie die Reduktion der Produktionskosten. Die Kosten des Nährmediums (die ungefähr die Hälfte des gesamten Produktpreises ausmachen) müssten außerdem gesenkt werden. Als Möglichkeit zum Erhalt eines sterilen Systems wird die Nutzung von Einweg-Bioreaktoren (single use bioreactors) vorgeschlagen. Der Vorteil liegt darin, dass die energieintensive Reinigung von herkömmlichen Bioreaktoren mit Dampf entfällt und die Behältnisse bereits sterilisiert sind. Die technischen Möglichkeiten sind also bereits vorhanden, schließt Oosterhuis, jedoch müsse ein erschwingliches Nährmedium gefunden werden.

Large-scale production is possible on a technical level.

Marie Gibbons, Research Fellow von New Harvest an der North Carolina State University (USA), verwendet in ihrer Arbeit gebrauchte Bioreaktoren aus einer Brauerei. In ihrer Arbeit zeigt sie auf, dass die benötigten Proteine für das Nährmedium der Zellen auch aus Pflanzen, etwa aus Algen, hergestellt werden könnten. Zudem sind die Zellen in unserem Körper in der Lage, die erforderlichen Stoffe selbst zu produzieren. Auf Grundlage dieser Überlegung habe eine gemeinsame Kultivierung von Muskel- und Leberzellen möglicherweise das Potenzial, den Einsatz von Nährmedium zu reduzieren und so zu komponieren, dass es aus Pflanzen hergestellt werden kann.

Ein sehr kreatives und in unseren Augen eher ungewöhnliches Projekt aus Japan – das Shojinmeat Project – wurde bereits letztes Jahr in Maastricht und auf unserem Blog präsentiert. Yuki Hanyu stellt die Idee vor, In-vitro-Fleisch mithilfe von Citizen Science und einem Do-it-yourself-Ansatz zu etablieren. Grundsatz dieser Arbeit ist es, Optionen zu entwickeln, die jedermann umsetzen kann und die sehr kostengünstig sind. Man beginnt also mit einem möglichst günstigen Produkt und versucht dann nach und nach, den Prozess zu optimieren. Im Supermarkt seien alle wesentlichen Komponenten erhältlich. Ein durcschnittlicher Energy- bzw. Sportdrink enthalte alles, was die Zellen zum wachsen bräuchten. Die Verwendung der eigenen Küche statt teurer Labore verringert ebenfalls die Kosten der Herstellung einer Zellkultur. Hanyu hat bereits kleine Hühnerlebern kultiviert und auf einer (Küchen-)Party präsentiert. Auf die Nachfrage, wie sein In-vitro-Produkt geschmeckt habe, antwortete er gelassen:

It tasted something.

Mit der Konstruktion geeigneter Bioreaktoren befasst sich die Bioingenieurin Marianne Ellis (University of Bath, UK). Grundsätzlich müsse ein Bioreaktor die Bedingungen im Körper so gut wie möglich nachahmen. Eine Schwierigkeit besteht darin, den richtigen Bioreaktor zu wählen:

We don’t know which one will be the best bioreactor. They are scalable, but the one that is best to grow cells might not be the best on an economic perspective.

Neben den technischen Fragen beschäftigte sich unter anderem Christopher Bryant (University of Bath, UK) mit Studien zur Konsumentenakzeptanz. Auf der Grundlage eines Vergleichs verschiedener Studien kommt er zu dem Ergebnis, dass In-vitro-Fleisch keinesfalls als vegetarische Alternative zu Fleisch präsentiert werden sollte. Es würde damit in eine falsche Ecke gedrängt und nicht mehr als (richtiges) Fleisch wahrgenommen werden. Aus seiner Sicht gibt es zwei Hauptgründe, weshalb Konsumenten In-vitro-Fleisch ablehnen könnten: 1) Unnatürlichkeit und 2) Unsicherheit (in einem gesundheitlichen Sinne). Weniger wichtig wären die Aspekte Geschmack und Preis. Alle anderen Argumente für oder gegen In-vitro-Fleisch würden lediglich in Gruppendiskussionen geäußert, weil dort gesellschaftliche Erwartungen erfüllt werden müssten. Aspekte wie die Reduktion des Welthungers sowie Umweltschutz spielten bei persönlichen Kaufentscheidungen kaum eine Rolle, dafür aber Gesundheit und Sicherheit.

People think it is lacking something, so from a marketing point of view, don’t name your product vegan even it is vegan.

Als Strategien zur Steigerung der Akzeptanz nennt Bryant die Bereitstellung von Informationen über Vorteile von In-vitro-Fleisch (mit einem Fokus auf Gesundheit und Sicherheit), die Aufhebung der Wahrnehmung von In-vitro-Fleisch als unnatürlich sowie die Wahl eines optimalen Produktnamens. Das Good Food Institute argumentiert beispielsweise für die Verwendung des Begriffs „clean meat“, der positive Assoziationen wecke. Bruce Friedrich (The Good Food Institute, USA) stimmt seinem Vorredner zu, dass Tier- und Umweltschutz kaum eine Rolle bei Kaufentscheidungen spielen, was am geringen Marktanteil von Bio-Lebensmitteln ersichtlich würde. Aus seiner Sicht interessieren sich Konsumenten jedoch lediglich für Geschmack, Preis und den Nährwert von In-vitro-Fleisch.