Das blutige Geschäft mit dem Kälberserum

Beitrag von Kerstin Syré im Rahmen eines vierwöchigen Praktikums bei VIF (September 2017)

Ein wichtiger Bestandteil von Zellkulturmedien ist das fetale Kälberserum. Dieses wird durch Zentrifugation von Blut gewonnen, sodass es keine Zellen, Blutplättchen und Gerinnungsfaktoren mehr beinhaltet. Da Zellen sogenannte Wachstumsfaktoren benötigen und diese in erhöhter Konzentration in Embryonen vorkommen, wird das Blut von Rinderföten verwendet.

Fetales Kälberserum ist ein Nebenprodukt der Rindfleischindustrie. Die Föten stammen von schwangeren Kühen, die aufgrund von Alter und Schwäche zum Schlachten gebracht werden, manchmal sogar von ganzen Herden. Da bei extensiven Rinderaufzuchtfarmen Kühe und Bullen zusammen in Herden leben, befinden sich unter den zu schlachtenden Tieren auch zahlreiche schwangere Kühe. Meistens wird erst beim Ausnehmen der inneren Organe der Kuh festgestellt, dass sie einen Fötus in ihrem Unterleib trägt. Der Fötus wird dem Uterus entnommen und von der Nabelschnur getrennt. Der nun folgende Schritt wird nur von speziell ausgebildeten Mitarbeitern übernommen, da die Gefahr der Kontamination sowohl für das Blut als auch für die Umwelt groß ist. Dem Fötus wird zwischen die Rippen punktuell in das noch schlagende Herz eine Nadel eingeführt. Unter Vakuum fließt nun das Blut aus dem Herzen in einen sterilen Beutel, in welchem das Blut gesammelt wird. Würde das Herz nicht mehr schlagen, würde nicht genügend Blut aus dem Herzen gewonnen werden können. Die Menge des gewonnenen Blutes hängt vom Alter des Fötus und der verwendeten Ausstattung ab. Ein 3 Monate alter Fötus (und so alt sollte er mindestens sein) bringt um die 150 ml, ein 6 Monate alter Fötus ca. 350 ml und ein 9 Monate alter Fötus 550 ml reines Kälberserum. Der globale Durchschnittsverbrauch an Kälberserum liegt bei 500.000 Liter im Jahr. Bei einem durchschnittlichen Gewinn von 350 ml pro Fötus müssten also über 1.400.000 Föten pro Jahr sterben. Sobald der Fötus von der Nabelschnur der Mutter getrennt wird, leidet dieser an einer Unterversorgung von Sauerstoff. Da der Fötus zu diesem Zeitpunkt bereits Hirnaktivität besitzt, ist davon auszugehen, dass der Prozess des Ausblutens ein schmerzvoller Tod für das Tier ist. Eine Zufuhr von Schlafmitteln und Anästhetika ist aus Verarbeitungsgründen des Serums nicht sinnvoll. Neugeborene und Säugetierföten besitzen noch eine zu niedrige Kapazität, um Medikamente metabolisch zu verarbeiten, weshalb dies eine Erhöhung der Variation der Kälberseren verursachen würde, was ohnehin schon ein kritischer Punkt ist. Die toten Föten werden dann zu Tierfutter weiterverarbeitet.

Die Nachfrage nach Milch und Rindfleisch, die Wetterbedingungen und die Futterkosten der Tiere beeinflussen den Markt. Da dieser schwer einschätzbar und kalkulierbar ist, bestimmt dieser auch den Preis des Serums. Außerdem beeinflusst die Herkunft des Serums den Preis massiv. So wird Serum aus Südamerika, wo die Gefahr von Kontaminationen durch Rinderkrankheiten sehr viel höher ist, um einiges billiger gehandelt als Serum, welches aus Australien stammt. In dem Artikel „Total grausames Geschehen“ beschäftigte sich der Spiegel mit der Serumbeschaffung und dem Serumhandel rund um die Welt. Dass dieser Markt preislich sehr sprunghaft ist, kann man ebenfalls daran erkennen, dass auf Seiten der Hersteller keine Preise angegeben werden.

Das Geschäft mit Kälberserum ist ein brutales Unterfangen. An Alternativen wird bereits geforscht, aber es wurde noch kein universell verwendbarer Ersatz gefunden. Das sollte sich allerdings so schnell wie möglich ändern.

Quellen