Experteninterviews

Wozu Experteninterviews?

Die Leitbilder und Visionen von In-vitro-Fleisch sowie mögliche Chancen und Risiken werden in diesem Projekt über eine Literaturanalyse hinaus mithilfe von Experteninterviews und partizipativen Verfahren unter Einbezug der Öffentlichkeit und relevanten Stakeholdern erarbeitet.

Die Interviews sollen deutlich machen, wie unterschiedliche Visionen über In-vitro-Fleisch die Entwicklung dieser Innovation mitgestalten. Die Perspektiven auf In-vitro-Fleisch unterscheiden sich je nach Hintergrund der Interviewpartner. Auf der Basis dieser Interviews möchten wir die ethischen Konzepte analysieren, die den Visionen von In-vitro-Fleisch zugrunde liegen. Außerdem bieten sie wertvolle Hinweise auf Reaktionen innerhalb von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die für die Ausformulierung forschungspolitischer Optionen von großer Relevanz sind.

Experten und Stakeholder

Wir haben uns für eine Kombination aus Experten- und Stakeholderinterviews entschieden. Grund dafür ist die Feststellung, dass die aktuelle Diskussion um In-vitro-Fleisch sehr stark von den Innovatoren geprägt wird und deshalb etwas ungleichgewichtig ist. Die Argumentation der Innovatoren für In-vitro-Fleisch und dessen Potenziale steht im Vordergrund, während in der wissenschaftlichen Diskussion kaum Bedenken hervorgebracht werden. Es war uns daher wichtig, auch mögliche kritische Stimmen aus der Zivilgesellschaft einzubeziehen.

Die Methoden der qualitativen Sozialforschung bieten die Möglichkeit, weitere Bereiche der gesellschaftlichen Debatte um In-vitro-Fleisch zu erfassen. Das Wissen von Experten und Stakeholdern ist dabei eine wichtige Grundlage, um die Fokusgruppen und Citizens’ Juries durchführen zu können. Deshalb haben wir Interviews mit Experten und Expertinnen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und mit Stakeholdern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft geführt.

Experten

Experten sind Personen, denen eine besondere Kompetenz und Expertise in einem bestimmten Realitätsausschnitt durch den Forscher zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung beruht in der Regel auf der beruflichen Position, entsprechenden Publikationen oder auch auf Empfehlungen Dritter. Den Experten wird unterstellt, keinerlei persönliche oder institutionelle Interessen zu vertreten, sondern aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrungen möglichst objektiv zu argumentieren, zu bewerten oder zu beraten. Nicht ausgeschlossen ist dabei der Einfluss individueller Vorstellungen und Werte. (Niederberger, Wassermann 2015)

Wir konnten insgesamt fünf Experten und Expertinnen für die Teilnahme am Interview gewinnen. Sie kommen aus dem Bereich Tissue Engineering (medizinische Anwendungen); In-vitro-Fleisch-Forschung; sowie Lebensmittel- und Umweltwissenschaften, in denen Lebenszyklusanalysen für die In-vitro-Fleisch-Produktion durchgeführt wurden. Im Interview sollten in einem eher technischen Teil vor allem die bestehenden Herausforderungen für die Produktion von In-vitro-Fleisch (im großen Maßstab) näher beleuchtet werden. In einem zweiten Teil ging es dann um die Visionen, Chancen und Risiken von In-vitro-Fleisch sowie um Akzeptanz und Akzeptabilität, alternative Lösungsansätze und Förderung der In-vitro-Fleisch-Forschung.

Stakeholder

Stakeholder sind […] Personen, denen neben einer inhaltlichen Kompetenz auch ein Interesse an der Ausgestaltung eines Realitätsausschnitts zugeschrieben wird, weil sie sich in diesem bewegen und ein Teil davon sind. Stakeholder sind z. B. Vertreter von Verbänden, Unternehmen oder Nichtregierungsorganisationen. Insofern stehen sie oftmals für bestimmte politische Wünschbarkeiten. […] Das vorrangige Ziel der hier diskutierten Methoden und Beispiele aus der Forschungspraxis ist [jedoch] die Erfassung der fachlichen Expertise. Diese kann – und muss oftmals sogar – nicht nur von wissenschaftlichen Experten, sondern auch von anderen Akteuren (Stakeholdern) kommen, da sie sich als Praxisexperten in bestimmten gesellschaftlichen Subsystemen und Feldern bewegen und über entsprechendes „Insider“-Wissen verfügen.(Niederberger, Wassermann 2015)

Auch auf der Grundlage dieser Definition von Stakeholdern lässt sich für die Ergänzung der Expertenbefragungen durch Stakeholderinterviews argumentieren.

Für das Projekt konnten wir sieben Stakeholder-Interviews realisieren. Die Stakeholder stammten aus den Bereichen Systemgastronomie, Lebensmittelindustrie sowie Umweltschutzorganisation, Tierrechtsorganisation, ökologische und konventielle Anbauverbände sowie Politik.

Erste Ergebnisse

Im Folgenden handelt es sich um zwei vorläufige Ergebnisse.

Ein pragmatisches Argument für In-vitro-Fleisch

Einen Aspekt, der sowohl in den Interviews als auch in der Literatur von Tierrechtsorganisationen und Tierrechtlern mehrfach genannt wurde, haben wir als „pragmatisches Argument für In-vitro-Fleisch“ rekonstruiert. Sie argumentieren, dass In-vitro-Fleisch eine kritische Analyse von Fleisch innerhalb der Gesellschaft erzeugen könnte. In-vitro-Fleisch könnte zu einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die vielen negativen Folgen von Fleischproduktion und -konsum beitragen. Dies könnte dann dazu führen, den konventionellen Fleischkonsum gänzlich einzustellen. Dieser Ausstieg könnte weitreichendere kulturelle Folgen mit sich bringen als eine einfache Änderung der Ernährungsgewohnheiten: Man könnte dadurch einen veränderten Blick auf Tiere gewinnen und deren Nutzung und Tötung als illegitim empfinden.

Somit könnte In-vitro-Fleisch also ein Instrument für einen „techno-moral change“ sein, „eine Chance, umzudenken“, wie Cor van der Weele und Clemens Driessen in ihrem aktuellsten Artikel darlegen (vgl. van der Weele, Driessen 2016). Dieses Argument verteidigt In-vitro-Fleisch aus pragmatischen Gründen, weil man in dieser Innovation den Motor für eine weitrechende kulturelle Änderung sieht. In-vitro-Fleisch könnte daher das „Zweitbeste” sein, das man für Tiere tun könne und sollte deshalb unterstützt werden, so zitiert Stephens einen Interviewpartner, der sich für Tierrechte einsetzt (vgl. Stephens 2013, S. 177). Das Beste wäre wohl eine Welt, in der Tiere nicht mehr für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse benutzt würden. Doch dies ist aus der Perspektive der Argumentierenden (noch) nicht realisierbar.

Ökologische Landwirtschaft als alternativer Lösungsansatz

Ein weiterer Aspekt, der in einigen Interviews betont wurde, ist ein alternativer Lösungsansatz der Probleme der heutigen Fleischproduktion und des Fleischkonsums. Stakeholder aus den Bereichen ökologische Landwirtschaft, Klima-, Umwelt und Landwirtschaftspolitik sowie Umweltschutz gehen weitestgehend davon aus, dass ökologische Landwirtschaft in Kombination mit der Reduktion von Fleischkonsum um die Hälfte (und damit einer Reduzierung der Tierbestände) die Probleme lösen könnte (vgl. Klima-Allianz Deutschland). In der ökologischen Landwirtschaft spielen Tiere eine zentrale und unverzichtbare Rolle im natürlichen Kreislauf. Sie können daher nicht einfach „abgeschafft“ werden (vgl. u.a. Bioland). Diese Alternative scheinen die Innovatoren jedoch weitestgehend zu ignorieren. Die Befürworter der ökologischen Landwirtschaft stellen hingegen die Annahme in Frage, dass In-vitro-Fleisch eine brauchbare Lösung für die bestehenden Probleme sein könnte.

Zitierte Literatur

  • Bioland: Sieben Prinzipien für die Landwirtschaft der Zukunft
  • Klima-Allianz Deutschland (2016): Klimaschutzplan 2050 der deutschen Zivilgesellschaft
  • Niederberger, M.; Wassermann, S. (2015): Methoden der Experten- und Stakeholdereinbindung in der sozialwissenschaftlichen Forschung
  • Stephens, N. et al. (2016): What Is In Vitro Meat? Food Phreaking Issue 02
  • Stephens, N. (2013): Growing Meat in Laboratories – The Promise, Ontology, and Ethical Boundary-Work of Using Muscle Cells to Make Food. In: Configurations 21 (2), S. 159–181.
  • van der Weele, C.; Driessen, C. (2016): In Vitro Meat Is A Chance to Rethink. In: Stephens, N. et al.: What Is In Vitro Meat?, Food Phreaking Issue 02, S. 57–59.
  • van der Weele, C.; Driessen, C. (2014): In Vitro Meat – Animal Liberation? In: Next Nature Network: The In Vitro Meat Cookbook, S. 79-88.
  • Verbeke, Wim et al. (2015): ‘Would You Eat Cultured Meat?’ – Consumers’ Reactions and Attitude Formation in Belgium, Portugal and the United Kingdom. In: Meat Science 102 (2015), S. 49–68.