Peter Singer: Der erste (tier)leidfreie Burger der Welt

Peter Singer ist einer der am kontroversesten diskutierten Philosophen der Gegenwart. Seine beiden bekanntesten Werke, Die Befreiung der Tiere (erschienen 1975) und Praktische Ethik (erschienen 1979), haben vor allem in deutschsprachigen Ländern starke Debatten ausgelöst. Singer wendet sich gegen die allgemeine Annahme, das Leben von Menschen sei höher zu werten als das Leben von Tieren, wodurch er sich klar als Tierrechtler positioniert. Weiter spricht sich Singer für die Option aus, Föten und auch schwerstbehinderte Neugeborene zu töten, die noch kein Bewusstsein für sich selbst entwickelt haben, sofern deren Leben von starkem Leiden geprägt sein würde. Singer ist hinsichtlich seiner ethischen Positionierung dem Utilitarismus zuzuordnen, der nach einer Erlangung des „größtmöglichen Glück(s) der größtmöglichen Zahl“ und dem „sozialen Nutzen aller Menschen überhaupt“ strebt. Singer überträgt den Utilitarismus auf alle leidensfähige Wesen: Kurz gesagt sei jene Handlung vorzuziehen, die die Interessen aller leidensfähigen Wesen berücksichtigt – also letztendlich zur Minimierung von Leiden führt.

Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass sich Peter Singer positiv zu In-vitro-Fleisch äußert. In dem The Guardian-Artikel The World’s First Cruelty-free Hamburger bezieht sich Peter Singer auf die erste öffentliche Verkostung von In-vitro-Fleisch durch Mark Post. Sobald das Problem der Produktion im großen Maßstab gelöst ist, gibt es aus der Sicht Singers auch keinen Grund mehr, warum In-vitro-Fleisch in der Produktion teurer sein sollte als herkömmliches Fleisch. Denn die Züchtung von Nutztieren verlangt nach Fütterung mit Getreide oder Soja, das angebaut und transportiert werden muss. Setzt man die Futtermittel jedoch direkt über den Prozess der In-vitro-Fleisch-Produktion in Fleisch um, sollten erhebliche Einsparungen möglich sein.

Wenn In-vitro-Fleisch also zu einem vertretbaren Preis hergestellt werden kann, gibt es laut Singer zwei wichtige ethische Gründe, herkömmliches Fleisch durch In-vitro-Fleisch zu ersetzen: das Leid der Tiere zu reduzieren und der Schutz der Umwelt. Singer betont, dass unter den Philosophinnen und Philosophen, die sich mit Tierethik befassen, ein starker Konsens herrscht, der Massentierhaltung als Missachtung ethischer Prinzipien auffasst. Weiter benennt Singer die durch die Tierhaltung bedingte Erderwärmung, die in der Zukunft zur Entstehung von hunderten Millionen Klimaflüchtlingen beitragen wird. Würde In-vitro-Fleisch herkömmliches Fleisch vollständig substituieren, würde sich der Ausstoß von Dickstickstoffoxid (ein Treibhausgas) um zwei Drittel verringern.

Abschließend führt Singer den Widerspruch einiger Vegetarier und Veganer gegen In-vitro-Fleisch an, der daraus resultiere, dass diese generell keine Notwendigkeit für Fleisch sehen. Dieser Perspektive stellt der Philosoph seine eigene Ansicht gegenüber: Für Singer ist der Verzicht auf Fleisch ein Mittel, um sowohl das Leid von Menschen als auch von Tieren zu verringern und die Erde als einen bewohnbaren Planeten für zukünftige Generationen zu erhalten. Seinen Verzicht auf Fleisch begründet er damit, dass Fleischkonsum nicht nachhaltig gestaltet werden kann und dadurch Tiere leiden. In-vitro-Fleisch jedoch ist eine leidfreie und nachhaltige Alternative.  Singer selbst hat seit vierzig Jahren kein Fleisch mehr gegessen – aber wenn es In-vitro-Fleisch zu kaufen gäbe, würde er es gerne probieren.

Beitragsbild von Barbara Oehring, http://www.petersinger.info/photos/

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