Partizipation

Ein wichtiger Ansatz unseres Projektes ist die Einbindung der Bürger – Ihre Meinung ist uns wichtig! Wir wollen der Öffentlichkeit und somit auch Ihnen die Möglichkeit bieten, aktiv an der Debatte über In-vitro-Fleisch teilzuhaben und am gesellschaftlichen Standpunkt mitzuwirken. Deshalb gibt es neben der Umfrage hier auf der Homepage zwei partizipative Verfahren im Projekt, deren Ergebnisse wir auf dieser Seite vorstellen.

Fokusgruppe

Was ist eine Fokusgruppe?

Eine Fokusgruppe ist eine Gesprächsrunde, in der sich die Teilnehmer über ein festgelegtes Thema unterhalten. Die Diskussion wird von einem Moderator geleitet, damit bestimmte Aspekte des Themas nicht zu kurz kommen, ansonsten ist das Gespräch aber offen. Für Rückfragen und Erläuterungen steht ein Experte zur Verfügung, den die Teilnehmer jederzeit zu Rate ziehen können.

Die Fokusgruppen zu In-vitro-Fleisch

Im September 2016 führten wir unsere zwei Fokusgruppen in einer deutschen Großstadt durch. Über eine Marktforschungsagentur wurden die Teilnehmer zusammengestellt und die Veranstaltungen organisiert. An zwei Abenden waren zehn Teilnehmer, davon je ein Drittel Allesesser, Vegetarier und Veganer anwesend. Die erste Fokusgruppe bestand ausschließlich aus Bewohnern von Großstädten, die Teilnehmer der zweiten Fokusgruppe stammten alle aus ländlicheren Regionen. Insgesamt gab es hinsichtlich der Themen und Aussagen in beiden Gruppen keine nennenswerten Unterschiede.

Die ersten Eindrücke der Teilnehmer

Um die Meinungen der Teilnehmer über die Vision In-vitro-Fleisch zu erheben, stellte das VIF-Team Fragen, welche zu intensiven Gesprächen über das Thema führten. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass die heutige Fleischproduktion und der übermäßige Fleischkonsum in unserer Gesellschaft ein großes Problem darstellen. Alle anwesenden Vegetarier und Veganer lehnten Fleisch ab, weil sie die gegenwärtige (Massen-)Tierhaltung für nicht vertretbar halten.

Die Teilnehmer beider Gruppen zeigten sich sehr interessiert und offen gegenüber Diskussionen über In-vitro-Fleisch. Im ersten Eindruck empfanden viele In-vitro-Fleisch als unnatürlich. Auf die Frage, ob sie es einmal probieren wollen würden, antwortete der Großteil mit „Ja“, mehrere aber unter dem Vorbehalt, dass die Tiere unter den Stammzellenentnahmen zur Herstellung des Fleisches nicht stark leiden müssen. Einen Alltag mit In-vitro-Fleisch auf dem Speiseplan konnten sich die Anwesenden allerdings noch nicht so recht vorstellen: Zwar sahen einige In-vitro-Fleisch als möglichen Ansatz zur Lösung vieler gegenwärtiger Probleme, trotzdem äußerten die Teilnehmer auch Bedenken. Es gäbe noch zu viele offene Fragen und mögliche Risiken, die vor einer Markteinführung der Innovation erforscht werden müssten.

Die Schwerpunkte der Gesprächsrunde

Ein großes Anliegen war den Teilnehmern der Einfluss von In-vitro-Fleisch auf das Tierwohl, die Umwelt und die Welternährung. Einige sahen in der Technologie eine potentielle Verbesserung der Qualität der Tierhaltung, andere sahen in ihr jedoch die Gefahr, dass die Tiere durch die Stammzellenentnahmen dauerhaft gequält werden könnten. Im Hinblick auf die Umwelt sahen viele Teilnehmer in In-vitro-Fleisch das Potenzial, den Ressourcenverbrauch reduzieren zu können. Gleichzeitig könnten Futtermittel eingespart und die frei gewordenen Ackerflächen für Nahrungsmittel für den Menschen genutzt werden. Jedoch wurde auch das Risiko geäußert, die Innovation könne dazu führen, dass in Zukunft noch mehr Fleisch konsumiert werden würde.

Ein Schwerpunkt lag in beiden Gruppen auf den Themenbereichen Erziehung und Bildung. Viele sahen das Problem der heutigen Fleischproduktion im Verhalten der Verbraucher: Sie würden gewohnheitsmäßig viel Fleisch essen und beim Kauf mehr auf Quantität als auf Qualität achten. So kam der Vorschlag auf, In-vitro-Fleisch als Denkanstoß zu sehen, mit dem ein Bewusstsein für das Tierleid und nachhaltiges Konsumverhalten geschaffen werden könnte.

Insgesamt waren die Fokusgruppen sehr erfolgreich. Sie lieferten viele Ergebnisse und neue Einsichten, die entscheidend in den Prozess der Erforschung von In-vitro-Fleisch des Projekts miteinfließen.

 


Bürger-Jury

Was ist eine Bürger-Jury?

Eine Bürger-Jury (im Englischen Citizens’ Jury) besteht einerseits aus Bürgern, die wie in einem Gerichtssaal ein Plenum bilden und andererseits aus Experten aus Wissenschaft und Gesellschaft, die den Bürgern Rede und Antwort stehen. Die Experten kommen aus unterschiedlichen Bereichen und vertreten auch verschiedene Standpunkte; in unserem Fall waren Befürworter, aber auch Gegner von In-vitro-Fleisch anwesend. Es entstand sowohl eine Debatte zwischen den Experten als auch zwischen Bürgern und Experten.

Die Bürger-Jury zu In-vitro-Fleisch

Im Mai 2017 fand unsere Bürger-Jury zum Thema In-vitro-Fleisch am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe statt. Elf Teilnehmer im Alter von 18 bis 25 Jahren und drei Experten waren zwei Tage an einem Wochenende anwesend, um sich über die Vision In-vitro-Fleisch auszutauschen.

Am zweiten Tag stellten außerdem zwei niederländische Künstlerinnen ihr Kunstprojekt „The Future of Meat“ vor. In einer Gruppenarbeit bearbeiteten die Teilnehmer der Bürger-Jury einen Arbeitsauftrag, den das VIF-Team im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) stellte. Die Ergebnisse fließen in wissenschaftliche Publikationen ein und werden bei der Formulierung forschungspolitischer Optionen für das BMBF berücksichtigt.

Die Experten

Die Experten Dr. Kurt Schmidinger, Stefan Torges und Gerald Wehde gaben den Teilnehmern nach einer Einführungspräsentation durch das VIF-Team mit ihren Vorträgen einen Einblick in die Thematik aus ihrer Sichtweise.

  • Kurt Schmidinger ist ein Geophysiker und Lebenswissenschaftler, der die Internet-Plattform Future Food betreibt. Mit dieser verfolgt er das Ziel, global über pflanzliche Alternativen zu Tierprodukten wie Fleisch, Milch und Eiern zu informieren.
  • Stefan Torges ist Co-Geschäftsführer des Projekts Sentience Politics, das der Stiftung für Effektiven Altruismus (EAS) zugehörig ist. Das Projekt setzt sich für eine Gesellschaft ein, in der alle empfindungsfähigen Wesen gleichermaßen berücksichtigt werden. Torges nahm für seinen Vortrag die Perspektive von Tieren ein und schilderte, was sich für sie nach der Einführung von In-vitro-Fleisch verändern würde.
  • Gerald Wehde ist Geschäftsführer im Bereich Agrarpolitik und Kommunikation und zugleich Pressesprecher des größten deutschen ökologischen Anbauverbandes Bioland. Er ist der Meinung, In-vitro-Fleisch habe keine Zukunft, und setzt sich stattdessen für eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft ein.

Zwischen und nach den Vorträgen hatten die Teilnehmer jeweils Gelegenheit, Fragen an die Experten zu stellen und mit ihnen sowie untereinander zu debattieren.

„The Future of Meat“

Die Künstlerinnen Madelaine und Anna Berlis aus den Niederlanden stellten am zweiten Tag ihr Kunstprojekt „The Future of Meat vor“. Über ihre internationale Ausstellung der fünf Szenarien, wie die Welt im Jahr 2050 aussehen könnte, können Sie sich im entsprechenden Beitrag in unserem Blog informieren. Mit ihrer Präsentation regten die beiden Künstlerinnen zum Nachdenken an und führten die Gespräche über In-vitro-Fleisch und nachhaltige Ernährung mit den Teilnehmenden fort.

Die Ergebnisse der Diskussion und Gruppenarbeit

Die Jury zeigte sich sehr interessiert an dem Thema In-vitro-Fleisch. Vor allem aus Tier- und Umweltschutzgründen herrschte Einigkeit darüber, dass der derzeitige Zustand der Fleischproduktion und Fleischkonsums nicht mehr tragbar sei. In einer Gruppenarbeit und dem anschließenden Stuhlkreis tauschten die Teilnehmer ihre Sichtweisen rund um die Technologie miteinander aus. Die wichtigsten Aspekte der Gespräche wurden als Abschluss der Bürger-Jury in einem Thesenpapier gemeinsam zusammengetragen. Damit beantwortete die Jury drei wesentliche Fragen, welche Teil des Arbeitsauftrags waren. Die Ergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

1. Kann In-vitro-Fleisch einen Beitrag zu einer Lebensmittelproduktion leisten, die besser für Mensch, Tier und Umwelt ist als die herkömmliche?

Grundsätzlich, so war sich die Jury einig, stellt die beste und einfachste Lösung eine Reduktion des Fleischkonsum, eine Förderung von pflanzlichen Alternativen und ökologische Landwirtschaft dar. Insgesamt realistischer erscheint der Jury jedoch In-vitro-Fleisch. Einen Beitrag leisten könne die Innovation in den Bereichen Tierschutz und Umweltschutz. Mit In-vitro-Fleisch könnten Ressourcen womöglich effizienter genutzt und dadurch globale Ernährungsprobleme angegangen werden. Zweifel äußerten die Teilnehmer jedoch an medizinischen Folgen der Technologie für den Menschen sowie an ihrem Einfluss auf den Umgang der Menschen mit der Ernährung.

2. Welche Veränderungen – sowohl positive als auch negative – könnten Sie sich durch die Einführung von In-vitro-Fleisch vorstellen?

Positive und negative Aspekte äußerte die Jury jeweils in Bezug auf Tiere, Welternährung, Umwelt und Gesundheit. Insgesamt überwogen für die Teilnehmer die positiven Veränderungen durch In-vitro-Fleisch.

  • Tiere: Zwar könne das Leiden der Tiere mit In-vitro-Fleisch verringert werden, da weniger Tiere insgesamt bzw. in der Massentierhaltung leben würden und eine artgerechte Haltung einfacher werden könnte. Bedenken hatten einige Teilnehmer, dass das Mensch-Tier-Verhältnis leiden könnte.
  • Welternährung: Die Jury bewertete die Jury zwar positiv, dass mit In-vitro-Fleisch mehr Menschen ernährt werden und sich ein größeres Spektrum an Fleischalternativen entwickeln könnte. Sie befürchtete jedoch, dass sich der Fleischkonsum sogar erhöhen und Menschen in Entwicklungsländern ihre Existenzgrundlage durch zu günstiges In-vitro-Fleisch auf den Weltmärkten verlieren könnten.
  • Umwelt: In punkto Umwelt spricht nach der Jury für In-vitro-Fleisch, dass weniger Ressourcen wie fossile Energieträger, Wasser und Ackerflächen genutzt würden. Gleichzeitig sei zu erwarten, dass die Verschmutzung von Böden und Gewässern durch Gülle, Dünger und Pestizide zurückgeht, die Artenvielfalt erhalten werden kann und die frei werdenden Ackerflächen zu Nutzflächen umfunktioniert werden können. An dieser Stelle erwähnten die Teilnehmer auch die zu erwartende Dezentralisierung der Fleischproduktion als positiven Aspekt. Ein Risiko hingegen sei, dass die Fleischproduktion steigen und sich somit negativ auf die Energiebilanz auswirken könnte.
  • Gesundheit: Im Hinblick auf die Gesundheit schätzten die Teilnehmer positiv ein, dass das Fleisch aufgrund einer sterilen Produktion antibiotikafrei werde und Epidemien (Zoonosen) eingedämmt werden könnten. Fleisch könnte gesünder werden, indem beispielsweise Vitamine zugesetzt werden. Bedenken gab es erneut hinsichtlich einer möglichen Steigerung des Fleischkonsums mit negativen Folgen für die Gesundheit der Menschen, aber auch, weil potentielle Gesundheitsrisiken von In-vitro-Fleisch noch nicht abschätzbar sind.

3. Sollte (die Forschung und Entwicklung an/von) In-vitro-Fleisch gefördert werden? Von wem sollte In-vitro-Fleisch gefördert/nicht gefördert werden? Wenn ja, wie sollte eine solche Förderung aussehen?

Die Jury war sich hier einig, dass Strategien zur Reduktion des Fleischkonsums entwickelt und Alternativen gleichzeitig gefördert werden sollten. In-vitro-Fleisch könnte eine Alternative sein, der Fokus sollte allerdings nicht auf dieser Technologie liegen.

Im Einzelnen merkte die Jury an, dass die universitäre In-vitro-Fleischforschung vom Staat und von Unternehmen gefördert und durch den Staat beaufsichtigt werden solle, private Forschung jedoch kritisch zu betrachten sei. Hier bestehe unter anderem die Gefahr der Monopolisierung, welcher mit staatlichen Patenten entgegengewirkt werden solle. Weiterhin, so die Bürger-Jury, sollen die Auflagen für die herkömmliche Fleischproduktion erhöht werden und ein Umbau zur ökologischen Tierhaltung stattfinden.