Visionen

Wie stellen wir uns eine Zukunft mit In-vitro-Fleisch vor?

In-vitro-Fleisch ist eine Technologie. Und eine Vision. Die Befürworter dieser Technologie sehen in ihr das Potenzial, die Welt zu verbessern: Es müssten keine Tiere mehr sterben, ohne dass die Menschheit auf Fleischkonsum verzichtet. Die Abschaffung der Massentierhaltung würde sich positiv auf die Umwelt auswirken. Und das Fleisch könnte sogar gesünder für den Menschen werden, als es herkömmliches Fleisch ist. Doch wie verstehen wir Visionen?

Visionen als analytisches Konzept  in der Technikfolgenabschätzung (TA)

Die Zukunftsorientierung ist ausschlaggebend für jeden Innovationsprozess. Insbesondere die sogenannten neuen und emergierenden Technologien (new and emerging science and technologies, NEST) orientieren sich an der Herstellung und Entwicklung von Produkten bzw. technischen Feldern, die zum Teil weit in der Zukunft liegen und für die man nicht viele konkrete und messbare Daten hat. Deswegen werden zusammen mit den Technologien auch Bilder von einer künftigen Gesellschaft entworfen (wie man mit oder ohne diese Technologie leben wird, was die Chancen und Risiken sind, wie unsere ethischen Werte sich dadurch ändern werden usw.). Die Technikfolgenabschätzung hat bis jetzt auf die Herausforderungen der Zukunftsorientierung von NEST mit der sogenannten „Vision Assessment“-Methode (von Armin Grunwald) geantwortet: Dabei geht es um die Analyse und Abschätzung von Diskursen in der Fachliteratur sowie in den Medien (es wird auch von einer „Hermeneutik der Visionen“ gesprochen). Das Ziel des Vision Assessment ist einerseits die Aufklärung von Politik und Öffentlichkeit über die Inhalte und Werte dieser Vision, andererseits aber auch die Abschätzung ihrer potenziellen Folgen. Somit konstruieren Visionen von Technologien ihre eigenen Zukünfte.

VIF wird ein Vision Assessment anbieten und gleichzeitig ein Stück weiter gehen. VIF verfolgt das Konzept von „Visionen als sozio-epistemische Praktiken“, das im Rahmen eines ITAS-Projektes weiterentwickelt wird. Dabei geht es nicht nur um die Analyse der Inhalte von Visionen in den Diskursen, sondern auch um die Erarbeitung des praktischen Einflusses dieser Visionen in Innovations- und Transformationsprozessen; also beispielsweise, ob und inwieweit die Visionen die forschungspolitische Agenda beeinflussen oder ob sie etablierte Denkmuster oder sogar Gewohnheiten ändern können. In VIF stellen sich Fragen wie: Was sind die sozio-technischen Visionen, die In-vitro-Fleisch zu einem zukünftigen Nahrungsmittel machen? Mit welchen Leitbildern und Visionen konkurriert In-vitro-Fleisch bezogen auf die Erreichung der intendierten Nachhaltigkeitsziele?

Darüber hinaus ist im Projekt ein empirischer Teil integriert: Dabei wurden einerseits Akteure (Expertinnen und  Experten in der Forschung und Entwicklung von In-vitro-Fleisch) interviewt, um ihre Absichten, ethischen Motive und Zukunftsvorstellungen, d.h. ihre Visionen zu ermitteln. Andererseits wurden in Deutschland wohnende Bürgerinnen und Bürger in sogenannte Fokusgruppen und eine Bürger-Jury involviert, um ihre Vorstellungen über die Akzeptabilität von In-vitro-Fleisch zu erfahren. Darüber hinaus gibt es auf dieser Website die Möglichkeit, einen Fragebogen zu beantworten. Dieser empirischer Ansatz ist relevant, da es noch nirgendwo sonst in Deutschland eine derartige Untersuchung zu diesem Thema gibt. Die Expertenvisionen sollen mit den Vorstellungen der Öffentlichkeit verglichen werden und abschließend die politischen Optionen ausgearbeitet und die Ergebnisse verbreitet werden.

Die Visionen in der bisherigen Diskussion

Die konkreten Visionen, die derzeit mit In-vitro-Fleisch verknüpft sind, haben verschiedenste Ursprünge: Die Idee des eigenen Schweins im Garten kam beispielsweise bei einem Workshop in den Niederlanden auf. Das In-vitro-Fleisch-Kochbuch und das damit zusammenhängende Bistro In Vitro entstanden ebenfalls in den Niederlanden als philosophisch-künstlerische Designprojekte. Der Bioreaktor für den eigenen Haushalt und der Einsatz des 3D-Druckers zur In-vitro-Fleisch-Produktion fußen allerdings auf Ideen aus der Forschung; sie sind Weiterführungen von medizinischen Ansätzen zur Gewebeherstellung.

  • Der eigene Bioreaktor in der Küche: Fleisch einfach selbst herstellen? In der eigenen Küche mal eben heranzüchten? Ein eigener kleiner Bioreaktor für den Hausgebrauch könnte das möglich machen. Nur die benötigten Muskelzellen, Nährmedien und Wachstumsstränge zusammensetzen und dann im Reaktor stimulieren lassen – und schon ist die gewünschte Hauptzutat für das Abendessen fertig.
  • 3D-Drucker: Die Idee des 3D-Druckers ist nicht unbedingt neu und in vielen Bereichen ist er bereits im Einsatz. Im Restaurant, der Kantine oder in der eigenen Küche hat er bislang aber noch keine Verwendung gefunden. Mit In-vitro-Fleisch könnte sich das ändern: Auf Knopfdruck druckt sich die Mahlzeit direkt in die Pfanne oder auf den Teller. Dafür muss der 3D-Drucker nur gefüttert werden mit den einzelnen Bestandteilen, aus denen das In-vitro-Fleisch zusammengesetzt ist.
  • Das eigene Schwein im Garten: Bioreaktor und 3D-Drucker müssen also nur noch gefüttert werden? Warum sich nicht auch um die Muskelstammzellen selbst kümmern? Mit einem eigenen Schwein im Garten, dem durch eine Muskelbiopsie bei Bedarf die Zellen entnommen werden, könnte auch dieser Vorgang im Privathaushalt erledigt werden. Bei dieser Vision geht es weniger um die Idee von In-vitro-Fleisch, sondern um die Veränderung, die im Verhältnis von Mensch und Tier dadurch eingeleitet würde: Das Schwein würde, mehr als Haustier denn als Nutztier, ein unbedarftes Leben unter Menschen führen.
  • Das In-vitro-Fleisch-Kochbuch: The In Vitro Meat Cook Book ist ein Kochbuch für die Zukunft. Die darin enthaltenen Gerichte kann man noch gar nicht nachkochen – aber das kann sich bald ändern. Die Beiträge unter der Herausgeberschaft von Koert van Mensvoort und Hendrik-Jan Grievink setzen die Idee von In-vitro-Fleisch als Nahrung auf eine recht kreative Weise um: Für sie sind gestricktes Hack, direkt an den Spieß gezüchtetes Kebab oder Fleischpulver ebenso vorstellbar wie beispielsweise durchscheinende Sashimi-Scheiben oder urzeitliche Dodo-Nuggets und Dinosaurier-Wings. Weitere Informationen findest  du auch in diesem Blogartikel.
  • Bistro In Vitro: Das Bistro In Vitro ist das erste Restaurant der Welt, in dem die Speisekarte aus In-Vitro-Gerichten besteht. Es gibt nicht nur In-vitro-Fleisch, sondern auch In-vitro-Austern, In-vitro-Eiscreme und The Meaty B-52 Cocktail. Außerdem auf der Karte: Celebrity Cubes, die es einem ermöglichen, das gezüchtete Fleisch berühmter Personen zu kosten – heute vielleicht Lust auf Albert Einstein? Das Ganze hat nur einen Haken: Das Bistro In Vitro gibt es eigentlich noch gar nicht… – eine Reservierung kann man aber schon heute vornehmen.
  • In-vitro-Fleisch als Teil einer großen Nahrungsmittel-Bewegung: Einige Experten und Stakeholder sind der Ansicht, In-vitro-Fleisch sei fähig, die Art und Weise zu verändern, wie Menschen über Fleisch und sogar die gesamte Ernährung nachdenken. In-vitro-Fleisch bildet eine Schnittstelle zwischen den aktuellen Problemen der herkömmlichen Fleischproduktion und der Vorstellung der Ernährung der Zukunft. Die Innovation bringe Konsumenten etwa dazu, die echte Motivation des Fleischkonsums zu hinterfragen. Somit werden über In-vitro-Fleisch viele Versprechungen und Erwartungen ausgedrückt, die Debatten und politische Diskurse beeinflussen können. Eine ‚reflektierte Ernährung‘ könnte sich in der Gesellschaft durchsetzen, bei der auch Kriterien wie Gesundheit und Nachhaltigkeit eine Rolle spielen.