Psychologische Studie: Wie wir das Fleisch vom Tier trennen

Fleisch zu essen und tote Tiere zu essen – das ist für die meisten Menschen nicht das gleiche. Zwar hassen wir es, Tieren Leid zuzufügen, aber deswegen kein Fleisch mehr zu essen können sich nur die wenigsten vorstellen. Um dieses sogenannte „Fleisch-Paradox“ zu umgehen, wenden wir im Alltag bestimmte Strategien an. Eine dieser Strategien haben die Psychologen Jonas Kunst und Sigrid Hohle von der Universität Oslo in fünf Experimenten mit insgesamt über 1000 Teilnehmern aus Norwegen und den USA genauer untersucht. Das Ergebnis: Menschen neigen dazu, das Fleisch, das sie im Supermarkt kaufen, möglichst nicht mit seinem Ursprung, dem lebenden Tier, zu verbinden. Stattdessen blenden sie Gefühle der Empathie und des Ekels beim Fleischkonsum aus. Dieser Mechanismus, den die Fleischindustrie gerne für sich nutzt, nennt sich Dissoziation.

Bekämen Sie Appetit auf Lammkottelets, wenn in einer Werbung gleich neben dem präsentierten Teller voller Fleisch ein kleines Lamm herumspringen würde, das Sie direkt an die Herkunft des Fleisches erinnert? Nach der im Oktober 2016 veröffentlichten Studie „Meat eaters by dissociation“ ist die Antwort ein klares „Nein“. Nicht nur verstärkt demnach ein lebendes Tier in einer Fleischwerbung das Mitgefühl für die Tiere, es verringert auch noch die Bereitschaft der Menschen, Fleisch zu essen.

In einem weiteren der insgesamt fünf Experimente legten die Psychologen den in drei Gruppen zufällig eingeteilten Probanden jeweils Bilder von rohem Hühnerfleisch vor, welches zu unterschiedlichen Graden industriell verarbeitet wurde. Eines bildet das ganze Hühnchen ab, ein anderes ein in die einzelnen Teile wie Beine und Flügel geschnittenes Hühnchen und ein drittes gewürfeltes Hühnerfleisch. Wie von den Forschern erwartet, zeigten die Teilnehmer der Gruppe, die das Bild mit dem am weitesten verarbeitetem Fleisch zu sehen bekamen, in der anschließenden Befragung durchschnittlich weniger Mitgefühl als die anderen Gruppen. Das belegt auch ein drittes Teilexperiment, in der weitere Probanden erneut in zwei zufälligen Gruppen unterschiedlichen Situationen ausgesetzt waren: Die eine Gruppe bekam das Bild eines gerösteten Schweines mit Kopf zu sehen, die andere das gleiche Bild ohne Kopf. Neben der Empathie wurde zudem der Ekel gemessen. Auch hier entwickelten die Teilnehmer der zweiten Gruppe deutlich weniger Mitgefühl und Ekel beim Anblick des Bildes. Für sie kam außerdem seltener ein vegetarisches Gericht als Alternative infrage.

Die Befunde zeigen also: Je weniger das Fleisch an das echte Tier erinnert, desto leichter fällt den Menschen eine Dissoziation, also eine gedankliche Trennung von Fleisch und Tier. Dieser Effekt war bei denjenigen Teilnehmern ausgeprägter, deren individuelle Neigung zur Dissoziation stärker ausfiel.

Der Mechanismus lässt sich darüber hinaus auf Begriffe anwenden, die bestimmte Assoziationen bei Menschen hervorrufen. Im Englischen wird im Kontext der Fleischproduktion gerne – vor allem von der Werbebranche und Fleischindustrie – der geschönte Begriff „harvest“, welcher so viel heißt wie „ernten“, statt „schlachten“ oder „töten“ verwendet. Ähnliches gilt für die Speisekarte in Restaurants: Hier wird Schweine- bzw. Rindfleisch „pork“ und „beef“ genannt, während die eigentlichen Tiere „pig“ und „cow“ heißen. So haben Kunst und Hohle in zwei weiteren Experimenten getestet, wie Menschen auf die ungeschönten Begriffe im Gegensatz zu den Euphemismen reagieren. Die Probanden der Gruppe mit den ungeschönten Begriffen hatten im Anschluss deutlich weniger Appetit auf Fleisch und zeigten mehr Mitgefühl und Ekel, während in der anderen Gruppe verstärkte Dissoziationstendenzen zu erkennen waren.