Spiegel-Titelstory über Fleisch: Probleme und Zukunftsvisionen

Beitrag von Marlene Faul

„Gewissensbissen“ heißt die 8. Ausgabe 2017 des Magazins Der Spiegel, das seine Titelstory dem Thema Fleisch gewidmet hat. Auf zehn Seiten informieren die Redakteure über Probleme verbunden mit der Fleischproduktion und dem Fleischkonsum. Und sie wagen einen Blick in die Zukunft: Wie werden die 9,7 Milliarden Menschen satt, die 2050 voraussichtlich auf der Erde leben? Spiegel führte dazu unter anderem ein Gespräch mit Patrick O. Brown, dem Chef der kalifornischen Firma Impossible Foods, welche Fleisch mithilfe rein pflanzlicher Inhaltsstoffe perfekt nachahmen will.

Der Spiegel: Viele Probleme mit der Viehindustrie

Zu viel Fleisch fördert Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Fettleibigkeit. Rotes Fleisch wurde von der Weltgesundheitsorganisation Ende 2015 sogar als krebserregend eingestuft. Aber nicht nur das, die Fleischproduktion führt auch zu enormen Klimaschäden: etwa 18% der durch Menschen verursachten Klimagase entstehen bei dem Prozess der Herstellung. Da die Zahl der Menschen immer weiter steigt, könnte bis 2050 „der globale Fleischbedarf um weitere 48 Prozent ansteigen“, wie der Spiegel in seiner Ausgabe Mitte Februar berichtet.  

Wollten alle 9,7 Milliarden Menschen des Jahres 2050 genauso viel Fleisch verbrauchen, wie jeder Deutsche schon heute, wären drei Erden notwendig.

In China, wo etwa die Hälfte der Schweine weltweit produziert wird, verabschiedete die Regierung vor einigen Monaten neue Ernährungsrichtlinien. Sie fordert eine Halbierung des Fleischkonsums, um die gesundheitlichen Probleme der Bevölkerung zu senken.

Ein enormes Problem stellt auch die zunehmende Zerstörung des Amazonasgebiets in Brasilien dar. Schuld am Verschwinden des Urwalds sind neben dem Sojaanbau vor allem die Rinderzuchten, die dort größtenteils für den Export aufgezogen werden. Denn jedes Jahr werden mehr und mehr Waldgebiete abgeholzt, um diese für Weidefläche und Ackerland nutzen zu können. Der Staat sieht weg, die Justiz und Umweltbehörden werden von vielen Farmern bestochen.

Die Forschung an nachhaltigen Alternativen

Zahlreiche Experten und Umweltaktivisten fordern deshalb einen Umstieg auf Alternativen zu herkömmlichem Fleisch. Patrick O. Brown ist einer davon. In seiner Firma Impossible Foods mit Sitz in Redwood City bei San Francisco analysiert er mit seinem Team seit fünf Jahren die molekulare Zusammensetzung von Fleisch, um herauszufinden, was es für den Menschen so attraktiv macht. „Pflanzenbasiertes Fleisch“ nennt Brown den Burger, den sie aus Zutaten wie Kartoffeleiweiß, Sojaprotein und Leghämoglobin aus Hülsenfrüchten entwickelt haben, um damit herkömmliches Fleisch zu ersetzen. „Am wichtigsten ist der Geruch nach Blut“, erzählte er dem Spiegel. Und für diesen Geruch ist der Blutfarbstoff Hämoglobin verantwortlich, der in Fleisch viel enthalten ist. Mit Genen aus der Sojapflanze, die seine Mitarbeiter und er in Hefezellen eingeschleust haben, stellen sie pflanzliches Hämoglobin als entscheidende Zutat für den Burger her. Auch andere „Fleischsorten“ will Impossible Foods auf diese Weise entwickeln und bald weltweit verkaufen.

Auch den Forscher Mark Post von der Universität Maastricht haben die Spiegel-Redakteure getroffen. Er stellte 2013 den ersten In-vitro-Fleisch-Burger der Welt vor. Das aus wenigen Muskelstammzellen in einem Bioreaktor gezüchtete Stück Hackfleisch mit einem Gewicht von 120 Gramm kostete damals noch 250.000 Dollar. Heute, vier Jahre später, liegt der Preis für 1 Kilogramm In-vitro-Hack laut Post nur noch bei 75 Dollar. Bioreaktoren mit einem Fassungsvermögen von 250.000 Liter, dessen Bau Post bereits plant, würden den Preis noch weiter senken und könnten „10.000 Menschen jährlich mit Fleisch versorgen“. In Posts Zukunftsvision würden nur noch wenige Tiere als Zellspender nötig sein, um weltweit Menschen mit Eiweiß versorgen zu können.

Markus Wolter von der Umweltorganisation WWF Deutschland hingegen fordert, das Rind wieder auf die Weiden zu lassen. Da Rinder Wiederkäuer sind, könnte so brachgelegenes Grasland wieder nutzbar gemacht werden, ohne mit dem Anbau von Nahrungspflanzen zu konkurrieren. Gleichzeitig würde Rindfleisch nur noch als teureres Bioprodukt angeboten werden; wer günstige Alternativen sucht, fände sie dann in den Fleischersatzprodukten.

Die Hauptaussage des Spiegel-Artikels:  Die Menschen müssen ihren Fleischkonsum dringend reduzieren und auch in der Fleischindustrie muss sich möglichst bald einiges ändern. Ideen für Alternativen sind vorhanden. Die Frage ist nur, ob sich eine dieser Visionen in der Zukunft durchsetzen wird.