Wahrnehmung ‚zellularer Landwirtschaft‘: Fokusgruppen in den USA

Die Non-Profit-Organisation New Harvest und das Environmental Law Institute haben die Durchführung von zwei Fokusgruppen über „Percpetions of Cellular Agriculture“ (Wahrnehmungen zellularer Landwirtschaft) beauftragt. Die Fokusgruppen wurden von Hart Research Associates geplant und durchgeführt. Fokusgruppen sind eine Methode der qualitativen Sozialforschung, bei der sich die Teilnehmer in einer Gruppendiskussion über ein festgelegtes Thema unterhalten. Die Diskussion wird von einem Moderator geleitet, damit bestimmte Aspekte des Themas nicht zu kurz kommen, ansonsten ist das Gespräch aber offen.

Focus groups are very useful in getting a window into how a (…) audience reacts to certain ideas, what they bring to the table in terms of other views and impressions, how do they respond to ideas and how do they interact with each other.  Abigail Davenport (Hart Research Associates)

In unserem Projekt wurden im September 2016 ebenfalls zwei Fokusgruppen durchgeführt.

Wieso eigentlich „cellular agriculture“ und „cultured meat“? Die Begriffe werden überwiegend von New Harvest verwendet. Zellulare Landwirtschaft umfasst die Produktion landwirtschaftlicher Produkte aus Zellkulturen. Dafür werden die Gene entweder in Bakterien eingesetzt, die das Protein dann produzieren (wie es bereits bei der Insulin-Herstellung gemacht wird). Oder es werden Produkte (wie Fleisch oder Leder) aus Zelllinien hergestellt, indem diese in einem Nährmedium zu Geweben herangezüchtet werden.

So fördert New Harvest nicht nur die Forschung an und Entwicklung von In-vitro-Fleisch, sondern auch die Herstellung von Milch ohne Kuh und Eiern ohne Huhn. Zum Begriff „cultured meat“ hat Isha Datar einen kleinen Artikel veröffentlicht, über den wir in unserem Blog berichtet haben.

Ablauf der Fokusgruppen

Die beiden Fokusgruppen wurden im Dezember 2016 in Baltimore (Maryland, USA) mit je 10 Teilnehmern durchgeführt. Eine Gruppe bestand aus Personen mit Hochschulabschluss (non-college-educated), die andere Gruppe aus Personen ohne Hochschulabschluss (college educated). Zum Einstieg stellte der Moderator allgemeine Fragen zur Wahrnehmung wissenschaftlicher Entwicklungen und technologischer Innovationen in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung. Beispielsweise sollten die Teilnehmer darüber sprechen, ob sie diesen Entwicklungen eher optimistisch und erwartungsvoll oder eher pessismistisch und beunruhigt gegenüber stehen. In einem weiteren Schritt ging es um freie Assoziationen mit den Begriffen „cellular agriculture“ und „cultured meat“. Der Forscher fragte danach, ob die Teilnehmer bereits etwas von beidem gehört haben, was sie darüber wissen, welche Bilder und Gedanken sie damit verbinden und ob sie eine Idee davon haben, was zellulare Landwirtschaft oder kultiviertes Fleisch ist.

Have you ever heard of cultured meat? (…) What images, thoughts, and phrases come to mind? Do you have any sense of what cultured meat is?

Im Anschluss wurden beide Begriffe mit Anwendungsbeispielen erläutert. Die Gruppen sollten sich dann unter anderem dazu äußern, wie sie nun der zellularen Landwirtschaft und kultiviertem Fleisch gegenüberstehen und welche Vor- und Nachteile sie sehen. Die Teilnehmer wurden auch gefragt, was sie glauben, bis wann kultiviertes Fleisch im Supermarkt oder in Restaurants erhältlich sein wird.

Danach stellte der Forscher mögliche Chancen vor und die Teilnehmer sollten beurteilen, welche der Argumente sie für wichtig und überzeugend; welche sie für weniger wichtig und nicht glaubwürdig einschätzen. Ebenso wurde mit möglichen Risiken verfahren.

Which, if any, of these statements do you think are weak or do not effectively make the case for/against developing cellular agriculture?

Anschließend diskutierten die Gruppen darüber, welche Institutionen aus ihrer Sicht die Entwicklung zellularer Landwirtschaft regulieren sollten: Staatliche Institutionen, Unternehmen, Industriegruppen, Universitäten, Non-Profit-Organisationen oder Konsumentenverbände? Welcher dieser Institutionen würden die Teilnehmer am ehesten zutrauen, mit möglichen Risiken dieser Technologie umgehen zu können? Am Ende des Gesprächs sollten die Teilnehmer noch einmal ihren Standpunkt zur zellularen Landwirtschaft darlegen und beschreiben, mit welchem Gefühl sie aus der Diskussion gehen. Den vollständigen Ablauf können Sie im Skript nachvollziehen.

Wichtigste Ergebnisse

Der Begriff „zellulare Landwirtschaft“ war den Teilnehmern der Fokusgruppen nicht geläufig. Sie haben dennoch Vermutungen angestellt, was mit dem Begriff gemeint sein könnte. Sie assoziierten ihn unter anderem mit: Menschengemacht, gentechnisch veränderten Organismen und Handys. Positive Überlegungen betrafen die Möglichkeiten der Wissenschaft, die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sicherzustellen. Dahingegen waren einige Teilnehmer auch besorgt, ob zellulare Landwirtschaft vom Wesentlichen beziehungsweise Ursprünglichen wegführt (etwa dem Wachsen von Pflanzen in der Erde) und langfristig negative Folgen haben könnte.

Auch der Begriff „kultiviertes Fleisch“ war unbekannt, jedoch war es einfacher, sich etwas darunter vorzustellen. Die erste Reaktion war eher abwehrend; der Begriff wurde als unsymphatisch empfunden und mit verarbeitetem Fleisch, Konservierungsstoffen und Gentechnik in Verbindung gebracht. Das Konzept bezeichneten einige Teilnehmer auch als unappetitlich. Der Begriff „clean meat“ wurde bevorzugt.

Nachdem eine Definition von zellularer Landwirtschaft gegeben wurde, formulierten die Teilnehmer mögliche Chancen, wie etwa den Beitrag zur zukünftigen Versorgung mit Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern, die Eliminierung von Zoonosen (z.B. BSE), die Reduktion von Tierquälerei sowie die Verringerung des ökologischen Fußabdruckes durch effizientere Produktion. Als Risiken wurden u.a. die Unnatürlichkeit, langfristige und unvorhergesehene Auswirkungen (etwa auf die menschliche Gesundheit), Geschmack und der Verlust von Arbeitsplätzen im Landwirtschaftssektor und der Fleischverarbeitung genannt. Interessant ist auch die Annahme, dass es sich in Zukunft vielleicht nur die Reichen leisten könnten, echtes Fleisch zu essen.

Bereits jetzt werden Verfahren angewendet, die unter den Begriff „zellulare Landwirtschaft“ fallen – so etwa die Herstellung von Insulin (für Diabetiker) sowie die Ersetzung tierischer Produkte. Die Teilnehmer waren gegenüber der labortechnischen Herstellung von nicht essbaren tierischen Produkten (Leder, Pelz) offener als gegenüber essbaren tierischen Produkten (Fleisch, Milch, Eier). Gerade genetisch modifizierte Bakterien, die Milch herstellen (wie es etwa das Start-up Perfect Day versucht), wurden kontrovers diskutiert: Bedenken gab es bezüglich der Sicherheit, Textur und des Geschmacks dieser Produkte. Trotzdem konnten sich die Teilnehmer die Herstellung von Milch im Labor besser vorstellen als die von Fleisch. Jedoch waren sie besorgt, ob solche Produkte in Zukunft ausreichend beschriftet werden würden. Gleichzeitig waren beide Gruppen hoffnungsvoll bezüglich der Vorteile dieser Technologien eingestellt.

Einig waren sich die Gruppen auch bei der Frage, welche Institutionen die Entwicklung der Zellulären Landwirtschaft regulieren sollten. Alle Institutionen, vor allem aber staatliche und wissenschaftliche Einrichtungen und Konsumentenverbände, seien wichtig und sollten sich gegenseitig kontrollieren.

Insgesamt urteilten die Teilnehmer am Ende der Gruppendiskussion über die zelluläre Landwirtschaft überwiegend neutral, nachdem sie die Chancen und Risiken abgewogen hatten. Dennoch blieb ein deutlicher Wunsch nach genauerer Erforschung der möglichen Risiken zurück, vor allem aufgrund unvorhersehbarer Folgen.

Zwar wurde betont, dass die Ergebnisse nicht verallgemeinert werden können, da die untersuchten Gruppen zu klein waren. Dennoch konnten die Forscher von Hart Research Associates wichtige Schlüsse aus den Fokusgruppen darüber ziehen, wie sie mehr Akzeptanz der zellulären Landwirtschaft in der Gesellschaft erreichen können: Nicht nur sei es wichtig, der Öffentlichkeit einen Überblick über den Herstellungsprozess der Produkte zu geben, sondern auch die Chancen und Risiken der Technologie transparent darzulegen. Dazu gehört auch, die Öffentlichkeit genauer über die Produktion von herkömmlichem Fleisch aufzuklären. Zudem möchte die Gesellschaft auch in Zukunft weiterhin die Wahl haben, auch Fleisch von Nutztieren essen zu können, ohne dass es eine Frage des Geldes ist.

Die wichtigsten Ergebnisse wurden auch in einem Video festgehalten (27 Minuten):