Zu Hause Fleisch züchten – Ist das die Zukunft?

Fleisch bei sich zu Hause züchten – und man benötigt nicht viel mehr als ein paar Zellen und ein kleines Fass? Ein Prozess, nicht wesentlich komplizierter als Bierbrauen in den eigenen vier Wänden: Das ist die Vision von Isha Datar. Sie ist die Geschäftsführerin von New Harvest, einer Non-Profit-Organisation, die die Entwicklung tierfreier Fleisch- und Milchprodukte fördern möchte. Doch bis es zur Verwirklichung dieser Vorstellung kommen kann, sind noch einige Herausforderungen zu bewältigen.

Von der Idee, zu Hause Fleisch züchten zu können, erzählte Isha Datar vergangenes Jahr auf der interdisziplinären Konferenz „Hello Tomorrow“ für junge Unternehmen in Paris. Zuvor muss es aber erst einmal möglich sein, In-vitro-Fleisch in großen Mengen im Labor herzustellen. Über die Probleme, die noch zu überwinden sind, berichtete die Fachzeitschrift New Scientist.

Stammzellkulturen als offene Quelle?

Eine Hürde stellt für die Forscher laut New Scientist zunächst überhaupt die Beschaffung der Stammzellen dar, um sie anschließend mit einem Nährmedium zu einem fertigen Burger kultivieren zu können. So ist es bislang nicht gerade einfach, an das Fleisch zu kommen und die Stammzellen zu entnehmen. Sie stammen derzeit in der Regel aus einem frischen Stück Fleisch vom Schlachthof oder lebenden Tieren – meist jungen Tieren, da diese noch zahlreiche Stammzellen in sich tragen. Datar schlägt deshalb vor, dass die Wissenschaftler die Kulturen untereinander teilen und möchte die Zelllinien sogar für Bestellungen in die Labore verfügbar machen.

Es wäre wie eine Open-Source-Software. Die Zellen sind der Code.

Noch ist zudem unklar, auf welche Weise das im Labor gezüchtete Fleisch die Größe eines herkömmlichen Stückes Fleisch erreichen kann. Bestimmte „Gerüste“ dienen dazu, das Gewebe dreidimensional heranwachsen zu lassen. Dehnt sich das Gewebe beim Wachsen weiter aus, wird die Versorgung der einzelnen Zellen jedoch zunehmend schwieriger.

Stammzellen von Vögeln sind anpassungsfähiger

Paul Mozdziak und seine Kollegen vom Institut für Geflügelforschung der North Carolina State University (NCSU) präsentierten kürzlich eine mögliche Lösung für das Problem. Die von New Harvest finanziell unterstützten Wissenschaftler entdeckten, dass sich Stammzellen von Vögeln im Gegensatz zu solchen von Schweinen oder Rindern besser an unterschiedliche Umgebungen anpassen. Die Vogelstammzellen könnten daher auch in einem Bioreaktor oder in einem speziellen Fass ohne Gerüste kultiviert werden. Damit wäre es also leichter, große Fleischstücke heranzuzüchten. So käme man der Vision, Fleisch zu Hause zu züchten, ein ganzes Stück näher.

Auch der Geschmack von in vitro gezüchtetem Fleisch ist ein komplexes Thema. Verschiedenste Gewebe im Fleisch, also nicht nur die Muskelzellen, sondern auch der Fettanteil, sind für das Aroma und die Konsistenz von Fleisch entscheidend. Mozdziak und sein Team haben herausgefunden, dass bestimmte Puten-Zellkulturen auch Fettzellen entwickeln können, wenn sie spezifischen Bedingungen ausgesetzt werden. In Experimenten könnte man also Fett- und Muskelanteile variieren, um die gewünschte Kombination aus Geschmack und Textur zu erhalten.

Auch wenn viele Perspektiven bisher eher vage sind, zeigt sich doch, dass ein ständiger Forschungsprozess in Gange ist, um die Zukunft der Fleischversorgung zu verändern – wie auch immer diese letztlich aussehen mag.